Das Thema, die eigene Komfortzone zu verlassen, begegnet mir in meiner Arbeit immer wieder. Vor Kurzem wurde es in einer Situation besonders greifbar – einer Geschichte, die ich gerne mit euch teilen möchte.
Ich begleitete eine Patientin, die in ihrer Freizeit Badminton spielt, während ihrer Rehabilitation auf dem Weg zurück zum Sport.
Wie zu Beginn jeder Behandlung fragte ich sie: "Wie geht es dir? Was ist seit unserer letzten Einheit passiert?"
Ihree Antwort war kurz: "Ich weiß nicht so recht …"
Sie erzählte mir, dass sie versucht hatte, wieder Badminton zu spielen. Nach gerade einmal fünfzehn Minuten hatte sie das Training jedoch beendet. Sie war enttäuscht, weil sie noch weit von dem Leistungsniveau entfernt war, das sie früher gewohnt gewesen war und das sie sich eigentlich bereits wieder gewünscht hätte.
An diesem Punkt entschieden wir uns, die Rehabilitation noch sportartspezifischer zu gestalten. Die Übungen orientierten sich zunehmend an den Situationen, die ihr später auf dem Spielfeld tatsächlich begegnen würden.
Das Ziel war, dass ihr Körper Sicherheit nicht nur in einer kontrollierten Umgebung erlebt, sondern auch unter Bedingungen, die dem eigentlichen Sport immer ähnlicher werden.
Zu Beginn zeigte sich bei schnelleren Bewegungen und reaktionsintensiven Situationen noch eine gewisse Unsicherheit. Gleichzeitig traten weder Schmerzen noch andere Beschwerden auf. Das war ein wichtiges Signal: Körperlich war sie bereit – ihr Nervensystem hingegen gewöhnte sich noch Schritt für Schritt an die neuen Anforderungen.
Daraufhin nahmen wir nur eine kleine Veränderung vor. Wir erhöhten das Tempo um gerade einmal 5 %.
Sonst änderte sich nichts: dieselben Übungen, dieselbe Umgebung, dieselben Bewegungsabläufe – lediglich eine minimale Steigerung der Intensität.
Und genau das reichte aus, um den Veränderungsprozess in Gang zu setzen.
Die Bewegungen blieben stabil, gleichzeitig entstand das Gefühl, wieder voranzukommen. Anschliessend steigerten wir die Intensität auf 15 %. Von diesem Moment an wurde deutlich, wie Entwicklung tatsächlich aussieht: als ein schrittweiser, sicher aufgebauter Prozess.
Diese Erfahrung hat etwas sehr Wesentliches gezeigt: Fortschritt geschieht nur selten in grossen Sprüngen.
Meist entsteht er durch viele kleine, wiederholte und sichere Schritte.
Im Mittelpunkt stand weder die perfekte Bewegung noch die sofortige Rückkehr zur früheren Leistungsfähigkeit.
Entscheidend war vielmehr, Schritt für Schritt wieder Vertrauen in die Bewegung aufzubauen – sowohl körperlich als auch mental.

Am Ende der Behandlung sagte sie zu mir:
„Das war eine der besten Physiotherapie-Sitzungen, die ich bisher erlebt habe.“
Nicht, weil alles leicht gewesen wäre. Sondern weil etwas viel Wichtigeres passiert war: Sie hatte verstanden, dass die Rückkehr zum früheren Leistungsniveau ein schrittweiser Prozess ist und dass der Fortschritt nicht davon abhängt, sie zu beschleunigen.
Es reicht, mit dem zu arbeiten, was heute möglich ist.
Vielleicht besteht der nächste Schritt noch nicht darin, ein ganzes Match zu spielen. Aber 15 Minuten sicheres Spiel sind bereits möglich.
Vielleicht ist die frühere Intensität noch nicht erreichbar. Doch schon eine kleine Steigerung der Belastung funktioniert heute sicher.
Und genau das ist Fortschritt.
Veränderung beginnt nicht erst dann, wenn sich alles vollkommen sicher anfühlt. Sie beginnt dort, wo wir uns einen kleinen Schritt erlauben, der sich noch sicher anfühlt – und gleichzeitig schon ein wenig neu ist.
Du musst nicht den gesamten Weg vor dir sehen. Es genügt, den nächsten Schritt zu gehen - einen Schritt, der heute erreichbar ist und dich gleichzeitig ein Stück weiterbringt.
Und was wäre dein persönliches "+15 %"?